Pit
WG-Lernort, Genießer und auf dem Berg überzeugter Anhänger des ökonomischen Prinzips: maximaler Genuss bei möglichst vertretbarem Ressourceneinsatz.
Also machen wir etwas aus der Zeit dazwischen.
Vier VWL-Studenten. Tübingen 1991. Viel Theorie, trockene Modelle, legendäre Abende – und eine Freundschaft, die sich als deutlich langlebiger erwiesen hat als so manche ökonomische Prognose.
1991 begann alles mit Volkswirtschaftslehre in Tübingen. Wir wurden eine eingeschworene Lerngruppe und haben uns gemeinsam durch Mathematik, Modelle, Klausuren und schließlich durchs Examen gepeitscht. Die Materie war nicht immer unterhaltsam. Wir schon.
Gelernt wurde abwechselnd bei uns zu Hause: Markus und Wassi im WHO, Willi auf dem Sachsenhaus und Pit in seiner kleinen WG. Aber wer nur lernt, maximiert die falsche Zielfunktion. Also wurde mindestens genauso konsequent gekocht, gegessen, gefeiert und das Studentenleben in Tübingen ausgenutzt.
Keynes' berühmter Satz “In the long run we are all dead” hätte rückblickend kaum besser zu uns passen können. Nicht als düstere Prognose, sondern als sehr brauchbare Erinnerung daran, dass man vor lauter langfristiger Optimierung das Leben im Hier und Jetzt nicht vergessen sollte.
Nach dem Studium gingen unsere beruflichen Wege in völlig unterschiedliche Richtungen. Keiner von uns landete im klassischen VWL-Job. Geblieben ist aber etwas sehr VWL-Typisches: analytisch denken, sich in komplizierte Themen reinbeißen, gute Argumente verlangen und erst locker lassen, wenn eine halbwegs belastbare Lösung steht. Dass uns das Studium dabei geholfen hat, geben wir selbstverständlich nur unter Protest zu.
Aus der Lerngruppe wurde eine Freundschaft fürs Leben. Mehr als drei Jahrzehnte später treffen wir uns noch immer regelmäßig – inzwischen gemeinsam mit unseren Frauen, zum Essen, Reisen, Erinnern und neuerdings sogar auf dem Berg. Willi nennt das Bergsport. Pit und Wassi nennen es eine fragwürdige Allokation knapper Energiereserven. Markus versucht derweil, mit Willi mitzuhalten.
Langfristige Gleichgewichte sind interessant.
Ein gutes gemeinsames Wochenende ist interessanter.
WG-Lernort, Genießer und auf dem Berg überzeugter Anhänger des ökonomischen Prinzips: maximaler Genuss bei möglichst vertretbarem Ressourceneinsatz.
WHO-Fraktion. Sobald Willi vorneweg zieht, meldet sich der Ehrgeiz. Dann wird aus einer Wanderung spontan ein Optimierungsproblem mit sportlicher Nebenbedingung.
Sachsenhaus und unser Ober-Bergsportler. Verantwortlich dafür, dass die übrige Gruppe gelegentlich entdeckt, dass auch oberhalb der Komfortzone noch Sauerstoff vorhanden ist.
WHO und zusammen mit Pit klar dem genussorientierten Flügel zuzurechnen. Hat früh verstanden, dass Pausen einen positiven Grenznutzen besitzen.
Was wir heute gemeinsam erleben – Wochenenden, Reisen, Essen, Berge und alles, was später eine gute Geschichte ergibt.
Keynes hatte recht: Im long run sind wir alle tot. Also lieber vorher noch gemeinsam auf die Ostlerhütte. Vier alte VWLer, vier sehr unterschiedliche Nutzenfunktionen und ein gemeinsamer Gipfel.
In the long run we are all dead. Bis dahin sehen wir zu, dass wir gemeinsam oben ankommen.
WHO, Sachsenhaus, Pits WG, Professoren, alte Weggefährten, Frauengeschichten, Prüfungen, Kochabende und legendäre Partys: Hier bekommt unser gemeinsames Gedächtnis einen festen Platz.
Hier ist Platz für alles, worüber wir heute noch lachen – und für Dinge, bei denen wir inzwischen froh sind, dass 1991 noch niemand ein Smartphone hatte.
Damals, heute und alles dazwischen. Denn wenn der long run schon unausweichlich ist, sollten wenigstens die Bilder bleiben.